Mehr als der Schlaf — was Anästhesie wirklich für Ihre Sicherheit bedeutet

Dr. Maurizio Betti
Ärztlicher Direktor · Facharzt für Anästhesiologie

Das Wichtigste in Kürze
- Anästhesie ist weit mehr als der Schlaf: Im Mittelpunkt steht Ihre Sicherheit auf dem gesamten Weg durch die Operation — von der Annahme zum Eingriff bis zur Entlassung, nicht nur während der Narkose.
- Das häufigste Risiko ist nicht das dramatische Ereignis, sondern eine still verloren gegangene Information (eine Allergie, ein Medikament, ein Laborwert) zwischen zwei Schritten.
- An der Privatklinik Kreuzlingen arbeiten wir bewusst papierlos: Alle Angaben leben an einem einzigen, verlässlichen Ort, der dem richtigen Team in jedem Schritt zur Verfügung steht.
- Ein perioperativer Risikowert wird automatisch berechnet, bei Auffälligkeiten ein Anästhesie-Gespräch ausgelöst und die wichtigsten Angaben bleiben am Operationstag für alle Beteiligten sichtbar.
Wenn Menschen fragen, was eine Anästhesistin oder ein Anästhesist tut, stellen sich die meisten dasselbe vor: die Ärztin oder den Arzt, die einen vor der Operation in den Schlaf versetzen und danach wieder aufwecken. Dieses Bild ist nicht falsch — es ist nur der sichtbare Teil. Das Endergebnis der Arbeit, nicht die Arbeit selbst.
Was Anästhesie wirklich ist
Jede Anästhesistin und jeder Anästhesist ist um ein einziges Prinzip herum ausgebildet, das vor allem anderen steht: die Sicherheit der Patientinnen und Patienten. Die eigentliche Aufgabe besteht darin, jeden möglichen Fehler auf Ihrem Weg durch die Operation zu vermeiden — von dem Moment, in dem Sie für einen Eingriff angenommen werden, bis zu dem Moment, in dem Sie entlassen werden. Die Minuten, in denen Sie schlafen, sind nur ein Bruchteil davon.
Richtig betrachtet ist Anästhesie kein einzelner Handgriff im Operationssaal. Sie ist die Disziplin, die Ihren gesamten Weg durch die Operation sicher macht — davor, währenddessen und danach. Das meiste davon geschieht dort, wo Sie es nie sehen.
Warum Information die eigentliche Sicherheit ist
Denn das meiste davon hat nichts mit Medikamenten oder Geräten zu tun. Es hat mit Information zu tun.
In der Chirurgie ist die seltenste Ursache für Schaden die dramatische. Das weitaus häufigere Risiko ist still: ein wichtiges Detail — eine Allergie, ein Medikament, eine frühere Erkrankung, ein Laborwert —, das irgendwo zwischen zwei Schritten verloren geht. Zwischen dem Fragebogen und dem Beratungsgespräch. Zwischen der Station und dem Operationssaal. Zwischen der Chirurgin oder dem Chirurgen, die planen, und dem Team, das Sie am Tag des Eingriffs betreut.
«Ein sicherer Weg durch die Operation ist vor allem einer, auf dem keine wichtige Information jemals verloren geht.»
— Dr. Maurizio Betti
Wie wir das an der Privatklinik Kreuzlingen umsetzen
Wir haben unseren Ablauf genau um diesen Gedanken herum aufgebaut — und wir haben ihn bewusst papierlos gestaltet. Papier wird abgelegt, kopiert, falsch gelesen und verlegt. Stattdessen lebt alles über Ihre Behandlung an einem einzigen, verlässlichen Ort, der den richtigen Personen in jedem Schritt zur Verfügung steht.
So sieht das aus Ihrer Sicht aus:
- Sie füllen Ihren Fragebogen online aus. Ihre medizinischen Angaben werden in einem strukturierten Formular erfasst, an einem Ort aufbewahrt und sind verfügbar, wann immer sie gebraucht werden — nie auf einem losen Blatt Papier.
- Sie laden Ihre Unterlagen und Laborwerte selbst hoch. Überweisungsschreiben, frühere Befunde, Bildgebung — Sie fügen sie direkt aus Ihrem Patientenportal hinzu. Jede neue Information wird automatisch an die zuständige Mitarbeiterin oder den zuständigen Mitarbeiter weitergeleitet, sodass nichts in einem Postfach landet, das niemand prüft.
- Ihr Risiko wird beurteilt, sobald Ihre Daten vorliegen. Sobald Ihre Angaben vollständig sind, berechnet das System einen perioperativen Risikowert. Ihre Chirurgin oder Ihr Chirurg hat sofort einen Überblick über Ihren Zustand und kann von Anfang an die sicherste und am besten geeignete Behandlung planen.
- Weicht etwas vom Üblichen ab, wird automatisch eine anästhesiologische Rücksprache angestossen. Fällt ein Wert oder ein Befund ausserhalb des erwarteten Bereichs, markiert das System den Fall und empfiehlt Ihrer Chirurgin oder Ihrem Chirurgen, vorab Rücksprache mit einer Anästhesistin oder einem Anästhesisten zu halten.
- Unser Anästhesie-Team prüft alles. Dieselben Informationen gehen an unsere Anästhesistinnen und Anästhesisten, die sie auf Richtigkeit prüfen und Ihr Vorgespräch zur Anästhesie — Ihr „Narkosegespräch“ — vorbereiten.
- Ihr Risikowert wird neu berechnet. Nach der anästhesiologischen Prüfung und Ihrem Gespräch wird der Wert aktualisiert, sodass er die klinische Einschätzung widerspiegelt und nicht nur die von Ihnen eingegebenen Daten.
- Das Wesentliche bleibt für alle sichtbar, die Sie betreuen. Am Tag Ihrer Operation sind Ihr Risikowert und die wichtigsten Angaben — Allergien, besondere Vorsichtshinweise, CAVE-Hinweise — für jedes beteiligte Teammitglied sichtbar, vom Moment Ihrer Ankunft über die Operation und die Aufwachphase bis zur Entlassung.
Wöchentliche interdisziplinäre Fallbesprechung
Sicherheit entsteht nicht erst am Operationstag. Einmal pro Woche kommt unser gesamtes Team — Chirurginnen und Chirurgen, Anästhesistinnen und Anästhesisten sowie das OP-Pflegeteam — zusammen und bespricht jeden geplanten Eingriff der kommenden Woche gemeinsam. Wir gehen die einzelnen Fälle durch, ergänzen wichtige Informationen, klären offene Fragen und halten kritische Punkte frühzeitig fest — lange bevor Sie den Operationssaal betreten.
So ist das gesamte Team schon vor dem Eingriff auf Ihre individuelle Situation vorbereitet, und mögliche Besonderheiten sind allen Beteiligten rechtzeitig bekannt.
Das Narkosegespräch: Wir nehmen uns Zeit
Das persönliche Gespräch vor der Narkose — Ihr Narkosegespräch — ist für unsere Anästhesistinnen und Anästhesisten die wichtigste und verlässlichste Informationsquelle überhaupt. Genau deshalb nehmen wir uns dafür bewusst Zeit und hetzen niemals durch dieses Gespräch. Wir hören Ihnen zu, gehen Ihre Krankengeschichte, Ihre Medikamente und frühere Erkrankungen in Ruhe gemeinsam durch und beantworten alle Ihre Fragen.
Was Sie uns hier erzählen, fliesst direkt in die Planung Ihrer Narkose ein. Je vollständiger das Bild ist, desto sicherer können wir Ihren Eingriff gestalten — kein Detail ist zu klein, um erwähnt zu werden.
Manche Medikamente brauchen dabei besondere Aufmerksamkeit — etwa Abnehmspritzen (GLP-1-Medikamente), die wir bei der Narkoseplanung gezielt berücksichtigen. Was Sie dazu vor Ihrer Operation wissen sollten, lesen Sie in unserem Beitrag Abnehmspritzen und Narkose.
Die WHO-Checkliste: dreimal bewusst innehalten
Ein weltweit anerkannter Baustein für sichere Operationen gehört auch bei uns fest zu jedem Eingriff: die chirurgische Sicherheits-Checkliste der Weltgesundheitsorganisation (WHO). An drei festen Punkten hält das gesamte Team bewusst inne und überprüft gemeinsam die wichtigsten Angaben — laut ausgesprochen und von allen bestätigt:
- Sign In — vor der Narkoseeinleitung. Bevor Sie in den Schlaf versetzt werden, bestätigt das Team Ihre Identität, den geplanten Eingriff, die Operationsstelle, bekannte Allergien und mögliche Risiken der Narkose.
- Team Time-Out — unmittelbar vor dem Hautschnitt. Kurz bevor die Operation beginnt, stoppt das gesamte Team noch einmal: Alle bestätigen gemeinsam Patientin oder Patient, Eingriff und Stelle und besprechen die kritischen Schritte.
- Sign Out — vor dem Verlassen des Operationssaals. Nach dem Eingriff wird überprüft, welche Operation durchgeführt wurde, dass Instrumente und Materialien vollständig sind und was für Ihre weitere Betreuung wichtig ist.
Diese drei Haltepunkte stellen sicher, dass auch in einem eingespielten Ablauf nichts übersehen wird — und dass jedes Teammitglied im richtigen Moment dieselben, gesicherten Informationen vor sich hat.
Der Teil, den Sie nicht sehen
Nichts davon ist für Sie sichtbar — und genau das ist der Sinn. Die beste Version unserer Arbeit ist die, die Sie nie bemerken: das Detail, das nicht verloren ging, das früh erkannte Risiko, die Übergabe, die richtig lief.
Der Schlaf ist der Teil, den Sie sehen. Alles drumherum sind wir — jeden Tag, im Stillen darum bemüht, Ihr Schutzengel zu sein.
Planen Sie einen Eingriff bei uns?
Unsere Ärztinnen und Ärzte nehmen sich Zeit für Ihre Fragen und begleiten Sie sicher durch den gesamten Weg Ihrer Operation — vom ersten Gespräch bis zur Entlassung.
Interesse an einem persönlichen Beratungsgespräch?
Unsere Fachärzte nehmen sich Zeit für Ihre Fragen und entwickeln gemeinsam mit Ihnen einen individuellen Behandlungsplan.
Häufige Fragen
Was macht eine Anästhesistin oder ein Anästhesist eigentlich?
Weit mehr, als Sie in den Schlaf zu versetzen. Die eigentliche Aufgabe ist es, Ihren gesamten Weg durch die Operation sicher zu machen — von dem Moment, in dem Sie für einen Eingriff angenommen werden, bis zur Entlassung. Die Minuten, in denen Sie schlafen, sind nur ein Bruchteil davon.
Was ist die häufigste Ursache für Komplikationen bei einer Operation?
Nicht das dramatische, seltene Ereignis, sondern eine still verloren gegangene Information — eine Allergie, ein Medikament, eine frühere Erkrankung oder ein Laborwert, der zwischen zwei Schritten nicht weitergegeben wird. Ein sicherer Ablauf sorgt vor allem dafür, dass keine wichtige Information verloren geht.
Warum arbeitet die Privatklinik Kreuzlingen papierlos?
Papier wird abgelegt, kopiert, falsch gelesen und verlegt. Stattdessen leben alle Angaben zu Ihrer Behandlung an einem einzigen, verlässlichen Ort, der den richtigen Personen in jedem Schritt zur Verfügung steht — vom Fragebogen bis zur Entlassung.
Was ist ein perioperativer Risikowert?
Sobald Ihre Angaben vollständig sind, berechnet unser System einen Risikowert für die Zeit rund um die Operation. So hat Ihre Chirurgin oder Ihr Chirurg sofort einen Überblick und kann die sicherste Behandlung planen. Nach der anästhesiologischen Prüfung und Ihrem Gespräch wird der Wert aktualisiert.
Wann findet ein Anästhesie-Gespräch statt?
Das Anästhesie-Gespräch führen wir in der Regel einige Tage vor der Operation mit Ihnen — meist telefonisch, in manchen Fällen auch bei einem persönlichen Termin. So klären wir alles Wichtige rechtzeitig, bevor Sie zur Operation kommen.


